Programm der Tagung

Übersicht über Programm und Ablauf der Tagung.

Freitag 30.5.08

19.00-19.30h Begrüßung und Einleitung

19.30-22.00h Eröffnungsveranstaltung: Die „zarte Wiederentdeckung des Deutschen“ – Hauptmomente der Reartikulation nationaler Identität in Deutschland (Daniel Keil)

Die Frage „was ist deutsch?“ hat in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Ob in Ausstellungen oder wissenschaftlichen Tagungen, ob als Kanzlerwort oder literarische Deutung, ob als Feuilletondebatte oder Matussek, nichts scheint so auf der Seele zu brennen wie die eigene nationale Identität. Während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft ernteten jene Debatten ihre Früchte und das ganze Land taumelte in Schwarz-Rot-Gold über die Straßen. „Endlich wieder Normal“, so der allgemeine Tenor. Doch was heißt dieses „Normal“ überhaupt? Welche Momente stehen im Mittelpunkt der Neuordnung der nationalen Mythologie und Realität in Deutschland? Was hat sich insbesondere seit 1990 verändert? Der Vortrag versucht, auf diese Fragen Antworten zu finden.

Samstag 31.5.08

10.30-12.00h Vortrag: Der Fan als idealer Staatsbürger (Dieter Bott)

„Gib alles“, „Sei erfolgreich“, „Bezwinge Dich und die Konkurrenz“ lauten die Sportformeln, die längst auch Parteitage („Jetzt geht´s los!“) erreichen und die Feuilletons füllen. Eingeübt werden sollen „Selbstbehauptung“, „Durchsetzungsvermögen“, „Coolness“. „Dabeisein ist alles“, das Motto des Olympischen Komitees, liefert den für die Gesellschaft notwendigen ideologischen Kitt. Wer nicht „dabeisein“, nicht „mitmachen“ will, gilt als Spiel- und Spaßverderber, als
„unkonstruktiv“ und wird als störendes Element bekämpft.
Nicht der mündige und kritische, sondern der Fan ist der ideale Staatsbürger von heute. Er steht hinter seinem Verein, besteht auf 120 Prozent Einsatz und rücksichtslosen Siegeswillen seiner überbezahlten „Scheiß-Millionäre“ und meutert nur sport- und systemmodernisierend. Fußball und Sport sind das Spiegelbild des „Raubtier-Kapitalismus“ (Helmut Schmidt) und sein „Krisenmanagement“. „Sei der Beste“, „Bring Opfer“ und „Gürtel enger schnallen“ heißen die Ideale und sportiven Parolen des „Standort-Nationalismus“ (Christoph Butterwegge).
„Wir sind Weltmeister“ geworden! Das kann sagen, wer mitgespielt und das Team aufgestellt hat. Sind Fußballfans, die das von sich behaupten nicht pathologische Fälle? Sie leiden an Größenwahn und Realitätsverlust! Schließlich ändert sich nichts für die Fans, wenn elf Jungmillionäre ein Fußballturnier gewinnen: Weder die Miete, noch die Lebenshaltungskosten sinken, noch die Arbeitsmarktsituation verbessert sich.

12.30-14.00h Workshop-Phase I

1) „Die Pille für den Mann“ – Über das Geschlechterverhältnis im Fußball (Benjamin Fuchs)

Wenn samstags viele Menschen ins Fußballstadion gehen oder sich die Sportschau anschauen, dann sind es vor allem Männer, die sich diesem Spektakel hingeben. Die Spieler auf dem Fußballfeld werden wie Helden verehrt. In den Vorstandsetagen der Vereine, vom europäischen Topklub bis zur Kreisliga, sitzen fast ausnahmslos Männer. So kann mensch zu der Feststellung gelangen, dass Fußball eben Männersport und der Platzverweis für Frauen das Natürlichste der Welt ist! Oder ist die Exklusion von Frauen nicht vielmehr das Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen? Ist der männerbündisch organisierte Fußball eine homogene maskuline Gemeinschaft? Welche Geschlechtskonstruktion werden verhandelt?
Ist die männliche Hegemonie durch eine Zunahme weiblicher Fans in Gefahr oder bleibt der Fußball ein Reservat ungebremster Männlichkeit? Der Vortrag beschäftigt sich mit diesen Fragen und versucht ein wenig Licht in das Verhältnis von Fußball und Geschlecht zu bringen.

2) „Die Eigentore der Beherrschten“ zu Sport/Fußball und Kulturindustrie (Sebastian Lutz)

Anfang der 1970er Jahre untersuchten einige, an der Kritischen Theorie orientierte junge AutorInnen die Funktion des Sports in der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Ihre zentralen Thesen sollen kurz dargestellt, diskutiert und auf ihre Aktualität hin überprüft werden. Sie weisen beispielsweise auf die enge Verflechtung von Arbeit und Sport, die Warenförmigkeit der Sportproduktion und die individuelle Selbstverleugnung der SportlerInnen hin und arbeiten die Rolle des Sports als Ersatzbefriedigung im Leben der entsubjektivierten Subjekte heraus. Die Kritische Sporttheorie ist (fast) in Vergessenheit geraten, kann aber bei der Untersuchung aktueller Sportphänomene durchaus von Nutzen sein. Die Beschäftigung mit ihr lohnt sich allemal.

3) Zur Aktualität einer „hinterwäldlerische Broschüre aus der Mottenkiste“ – Zur Diskussion um die Broschüre ‚Argumente gegen das Deutschlandlied‘ (Benjamin Ortmeyer & Katha Rhein)

In diesem Workshop soll es zunächst darum gehen, die Broschüre selbst vorzustellen, in der anhand der Geschichte und der Kritik des Deutschlandliedes eine grundsätzliche Kritik des deutschen Nationalismus mit samt seines immanenten Antisemitismus entwickelt wird, um dann die hitzige Debatte, die sich während der WM entspann nachzuzeichnen.
Interessant erscheint uns das deshalb, weil die Veröffentlichung der Broschüre einen der wenigen Versuche darstellte, während der ‚Loveparade in Schwarz-Rot-Gold’ Kritik zu formulieren. Die Vehemenz mit der in ‚Deutschland einig Partyland’ darauf reagiert wurde, hatte mit guter Stimmung und Weltoffenheit nichts zu tun. Quer durch alle Parteien versuchte man als PartyheldInnen wahrgenommen zu werden und sich von allen so genannten ‚Miesmachern’ deutlich abzugrenzen.

Deutsche Normalität bedeutet hier den positiven und euphorischen Bezug auf Heimat, Staat und Nation, dementsprechend gilt als unnormal, wer das kritisiert.
Deutsche Normalität heißt Schlussstrichmentalität. Die Gegenüberstellung von fröhlichen, unverkrampften, entspannten Patrioten und verkrampften, miesepetrigen, angespannten, Kritikern bedeutet letztlich, dass die kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als krampfhaft und unnormal betrachtet wird und folglich ungewollt ist.
Normalität bedeutet immer den Ausschluss des Unnormalen. Der Behauptung eines normalen und gesunden Patriotismus steht die der unnormalen und kranken Kritik daran gegenüber. Die so psycho- und pathologisierenden Argumentationsweisen finden sich quer durch alle Parteien und gipfeln in der Ausdrucksweise rechtsextremer Kreise, die dafür Bezeichnungen, wie „Nazimanie“, „fortgeschrittene NS-Obsession“ oder „Hitleritis“ haben oder es nicht bei rhetorischer Ausschaltung des Gegners belassen, sondern gleich Morddrohungen aussprechen.

14.00-15.30h Mittagspause mit Essen

15.30-17.00h Workshop-Phase II

1) „Das Wunder von Bern“ – Katharsis der Nation. Psychoanalytische Reflexion über das Verhältnis von Masse und Individuum (Sonja Witte)

Der legendäre Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 tritt in Das Wunder von Bern (D 2003, Sönke Wortmann) den filmischen Beweis für den Wandel des ‚Deutschtums’ nach 1945 an: Anstelle des Volks die Gemeinschaft, statt Blut und Boden Familie und Heimat, nicht länger Schuld, sondern die Genesung von der Niederlage, nicht kriegerisches ‚Deutschland über allen’ sondern Deutschland sportlich-spielerisch in allen im Fußballstadion. Ausgehend von der freudschen Theorie der Massenbildung wird eine psychoanalytische Filminterpretation entwickelt, in deren Zentrum die psychische Dynamik der Identifizierung mit der deutschen Nation nach 1945 steht. Anhand von Filmbeispielen wird nachvollzogen, wie die filmische Stilisierung des WM-Sieges zum generationenübergreifenden Objekt einen imaginären, konfliktfreien Ursprung der deutschen Generationenfolge in Szene setzt.

2) Die Bedeutung von Popmusik in der Konstruktion der Berliner Republik (Martin Büsser)

Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet in Deutschland eine Allianz aus Medien, Politikern und Musikern an einer Nationalisierung der Popkultur und an der Förderung des »Popstandorts Deutschland«. Die Debatte um eine nationale Radioquote gegen »amerikanischen Schund« (Heinz-Rudolf Kunze) schaffte es bis zu einer Anhörung im Bundestag und fand Unterstützung seitens der rot-grünen Bundesregierung. Auch wenn diese Quote nie umgesetzt wurde, sorgte alleine die Debatte um einen Boom deutscher Musikproduktionen. Inzwischen ist der positive Bezug auf die Nation im deutschen Pop nicht nur hoffähig, sondern Standard geworden und geht nicht selten mit dem reaktionären Lob auf Familie, Zweierbeziehung und Religion einher.

3) Die Fußball-WM als gigantische Werbekampagne für Deutschland (Naturfreundejugend Berlin: Kampagne Vorrundenaus)

Deuschland ist Weltmeister!
Eins war schon vor der WM klar: Deutschland ist Weltmeister und die anderen kommen lediglich, um dem deutschen Michel den Pott zu übergeben. Was sportlich glücklicherweise nicht ganz geklappt hat, hat ideologisch eingeschlagen. Die Weltmeisterschaft war eines der Momente, die den Deutschen endlich wieder ganz entkrampft zu sich selbst hat stehen lassen. Klinsis Rumpeltruppe, Sportfreunde Stiller, Heppner/van Dyke und Mia lieferten den benötigten Soundtrack, und, ach ja, auch der Herr vom türkischen Imbiss schwenkte die deutsche Trikolore. Das macht deutlich: der deutsche Nationalismus ist nicht mehr gefährlich, sondern einfach nur noch partytauglich.
Wer das für ideologischen Bullshit hält, ist in dieser AG goldrichtig. Wer dem zustimmen kann, geht halt zu Hertha.

18.00-20.00h Abschlusspodium: „Schwarz Rot Geil“: Zur Transformation des Nationalismus (Dieter Bott, Martin Büsser und Sonja Witte)

22.00h Party/Konzert im IvI, Kettenhofweg 130: Mit Schneller Autos Organisation und 80 km vor Baghdad. Anschließend Musik vom Plattenteller mit 2-3 DJs

Die Tagung findet im Studierendenhaus der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Mertonstr. 26-28, Campus Bockenheim, in Frankfurt am Main statt.

Wir bitten außerdem darum, über das Kontaktformular (das ist derzeit versteckt, ihr erreicht es oben im Header neben „blog“, wir arbeiten daran das sichtbar zu machen) sich anzumelden, sollten Schlafplätze benötigt werden. Die Tagung kostet nichts, das ist nur zur besseren Planung.