Deutsche Normalitätseuphorie

Zwei Jahre sind seit der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vergangen – seit dem Zeitpunkt also, so waren sich die Deutschen und ihre Kommentatoren einig, an dem endlich unverkrampft der weltoffene Partypatriotismus der Deutschen die Schatten der Vergangenheit überwand. Ein langer publizistischer Vorlauf begleitete den Weg zur WM und allerorten war vom guten Patriotismus, vom kosmopolitischen Projekt Europa oder der weltoffenen Berliner Republik zu lesen. Endlich Normal im Europa der Vaterländer.

Solch gefundene Normalität hatte ihren popkulturellen Widerhall schon im Voraus bei denen gefunden, die sich dabei noch als bahnbrechende Avantgarde mit verinnerlichter Deutschquote imaginierten: Was Mia mit der Textzeile “Denn mit Ändern fängt Geschichte an” bewarben, fand sich als Strategie in den rührseligen Filmchen übers deutsche Opferkollektiv wieder. Dass du Deutschland bist, wirkte schließlich nur noch als lapidare Feststellung angesichts der Farbwahl von Strass-Applikation, Blumenketten und Boxershorts. Mit dem Scheinanglizismus public viewing fand sich dann der Begriff für den eigentlichen Wettbewerb 2006: Je mehr sich die Masse in den Ausnahmeszustand schaukelte, desto mehr bestätigte sich die Normalität der Deutschen.

Als das neue deutsche Kollektiv durch die Neuauflage der kleinen Broschüre „Argumente gegen das Deutschlandlied“ irritiert wurde, wurde schnell vom Partymodus auf Aggression umgeschaltet. Während auf den Straßen die Schwarz-Rot-Geil-Gemeinschaft soff, tanzte und vermeintlich Nicht-Deutsche angriff – ein Fakt, der ziemlich untergegangen ist in der Euphorie –, tobten Politik und Feuilleton gegen die Kritiker_innen. Jene wurden schnurstracks als „ewig-gestrige“ „Nestbeschmutzer“ abgekanzelt und schließlich feuilletonistisch aus der Gemeinschaft der guten Deutschen ausgestoßen.

Das Umschlagen des negativen Nationsdiskurses, der sich in Abgrenzung zu Auschwitz konstituierte, in einen positiven, der sich vielmehr mit Auschwitz legitimiert, war ans Ende gelangt. Während bis in die 1980er Jahre die Nation eine gewisse Einhegung erfahren hatte und der Zusammenhang zu Auschwitz eher dethematisiert worden war, wandelte sich dies mit „der Wende“ dramatisch. Die organisierte Vernichtung der Juden und Jüdinnen fand nur noch dekontextualisiert Eingang in das Gedenken an einen großen Schrecken, aber nicht mehr als konkretes Ereignis mit konkreten Täter_innen. Mit dieser unsäglichen Abstraktionsleistung halten sich die Deutschen für die Weltmeister der Aufarbeitung. Umso konkreter wurde die Suche nach vermeintlichen Helden und Opfern in den Reihen, die immer noch die „eigenen“ sind.
Es war dann auch „unsere“ Mannschaft, die sich anbot als das perfekte Identifikationsobjekt der nationalen Massenzeremonie. Und die Sportfreunde Stiller lieferten den Soundtrack.

Das nächste Fußballgroßereignis steht unmittelbar bevor. Ein Anlass, nicht nur um die Auswüchse des Sommers 2006 zu reflektieren. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Transformation des durch Popkultur und Sport-Event hindurch ausgedrückten Nationalismus. In der ausgelassenen Teilhabe der Deutschland-Fans am weltoffenen Kollektiv, hinter der Nation als neuem Unterhaltungs-Format verbirgt sich die Unterordnung der abgeschlagenen Einzelnen unter die Aufwertung im Ganzen – alles fürs Team. Kritik des Nationalismus in Sport und Popkultur bedeutet Kritik an deutscher Normalität, an der Allgegenwart nationaler Identifikation.